Nr. 274 - 7. September 2006

   

250 x Björn Emmerling



Wenn man richtig böse wäre, würde man behaupten, er hätte seinen Fingerbruch mit Absicht genommen, um sein 250. Länderspiel nicht vor leerer Kulisse in einem Vorbereitungsspiel in Mönchengladbach oder, wenn er alle Vorbereitungsspiele mitgemacht hätte, gegen Spanien in Klein-Rönnau zu begehen. So hatte der Fingerbruch wenige Minuten vor Abpfiff des Finales bei der ChampionsTrophy in Terrassa auch sein Gutes: 8500 Zuschauer konnten am gestrigen Jubiläumsspiel und der anschließenden Ehrung durch DHB-Präsident Stefan Abel teilhaben.
Die Eingangssottise hat dennoch zwei Wahrheiten. Zum einen wurde Björn vor allem wegen seiner Glasknochen, aber auch wegen seines engagierten Einsatzes immer wieder von Verletzungen heimgesucht. Zum anderen lebt er jedes Hockeyspiel und besonders große Turniere. Bei den Olympischen Spielen in Athen war er wohl auch deshalb der überragende deutsche Spieler, der als einer der wenigen seine Bestform abrufen konnte, weil er gerade dort jeden Tag der Spiele nach dem Motto lebte: „Genieße jedes Spiel, genieße die Spiele, es könnten deine letzten sein.“
Alles gewonnen

Seine Technik wird von vielen Kennern als die weltbeste eingeschätzt. Viele Experten sehen seinen Schlenzer auf gleicher Höhe wie den von Shabaz oder Soheil Abbas. Er hat alles gewonnen, was es bis auf olympisches Gold im Hockey zu gewinnen gibt (Weltmeister in Halle und Feld, Europameister ebenda, Deutscher Meister, Sieger der Weltspiele, Europacup-Sieger, dazu olympisches Bronze). Seine Spielweise erinnert an Franz Beckenbauer. Es sieht alles so leicht aus, so ohne Anstrengung. Kein Spieler der Welt hat aus dem linken Verteidiger-Posten, der er in früheren Jahren vor allem bekleidete, so viel gemacht wie er. Keiner als Abwehrspieler, der nicht Eckenschütze war, so viele Tore erzielt (56).
Immer wieder haben ihn Verletzungen zurückgeworfen. Denn sonst hätten es seit dem 25.3.96 (in Seoul gegen Korea) viel mehr sein können. Aus einer zunächst harmlosen Knieverletzung bei den olympischen Spielen in Atlanta wurde eine Zwangspause von 13 Monaten. Und die Verzweiflung, weil die Ärzte ihm das Ende seiner Karriere ansagten. Er hat sich nicht unterkriegen lassen und sich immer wieder herangearbeitet. Auch jetzt wieder, nach seinen Fingerbrüchen. Auch nach der Pause, die er nach Athen genommen hatte. Hat hart an seiner Athletik gearbeitet und ist auch mit den vielen neuen, jungen Mannschaftskameraden wieder voll bei der Sache Hockey, das nach wie vor so richtig seine Sache ist.

Und Peking?

In seinem Alter stellt sich natürlich die Frage, die ich auch ihm an seinem Jubiläumsabend gestern stellte: Lohnt sich der Aufwand? Macht es noch richtig Spaß? Wie verträgt sich das mit der Karriere, denn der Diplom-Kaufmann mit Schwerpunkt Marketing und vorzugsweise Sportmarketing muss natürlich „in seinem Alter“ auch an ein Leben „nach dem Hockey“ denken. Leider ist es ja nach wie vor so in Deutschland, dass sportliche Höchstleistung (die ja nicht vom Himmel fällt, sondern hinter der ganz viele hervorragende Charaktereigenschaften und Kompetenzen stehen) von Unternehmen nicht gewürdigt werden. Anders als in den angloamerikanischen Ländern und natürlich besonders bei unseren asiatischen Rivalen, aber auch anders als in Argentinien oder im Nachbarland Holland, genießen Hochleistungssportler in ihren Unternehmen kaum dauerhafte Förderung. Niemand stellt einen Spieler, der sich im Hockey auf Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele vorbereitet, wie in Holland für alle Nationalmannschaftszwecke frei und gibt auch über die Woche den notwendigen Raum fürs Training. Natürlich dort auch deshalb, weil man weiß, welche Fähigkeiten man sich nach Ende der Karriere mit einem erfolgreichen Nationalspieler einkauft. Nicht so in Deutschland.

Trotzdem hadert Björn nicht mit dem Sportlerschicksal eines über ein Jahrzehnt engagierten und dazu erfolgreichen Hockeyspielers. „Ich hätte, würde ich noch einmal von vorn anfangen, alles immer wieder genauso gemacht.“ Natürlich muss er aber nach der WM schauen, wo er bleibt. Seine zauberhafte und wunderbare Freundin (und Verlobte) Jü Eckert unterstützt seinen Sport ohne Einschränkung. Trotzdem bleibt bei Björn Unwohlsein. Denn sie steht längst im Beruf, während er sich auf Hockeylehrgängen „herumtreibt“ und der schönsten Nebensache der Welt nachgeht. Nach der WM wird „Emmel“ sich neu orientieren müssen. Sein Traum, eine Arbeit im Sportmarketing. Die Frage, ob es dann trotzdem mit Hockey in der Nationalmannschaft bis Peking weitergeht, hat er nicht verneint.


Bleiben Sie uns verbunden –

HockeyHerzlichst

  Foto: Dieter Reinhardt (info@direvi.de)

Björn Michel und Christoph Bechmann 1999 beim Gewinn des Europameister-Titels


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